Interview ifo-Chef Clemens Fuest: "Sehe Chancen für TTIP-Neuauflage"
Interview ifo-Chef Clemens Fuest: "Sehe Chancen für TTIP-Neuauflage"
Die Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen und die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten zeigen, dass das Establishment seine Deutungshoheit zunehmend verliert. Außerdem steckt Europa weiter tief in der Krise. Wie geht’s weiter? Interview mit ifo-Chef Clemens Fuest.
Trump, AfD, Len Pen, Wilders – Das Erstarken populistischer Parteien deutet auf einen zunehmenden Vertrauensverlust in der Bevölkerung hin. Das Establishment hat Ängste und Sorgen lange vernachlässigt. „Auch wird die Verantwortung oft nach Brüssel abgeschoben, dabei sind die meisten wirtschaftlichen Probleme hausgemacht.“, so Clemens Fuest im dbate-Interview.
Wie wahrscheinlich ist eine Neuauflage von TTIP?
Die Amtsübernahme von Donald Trump besorgt viele Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks. Der Ökonom blickt deswegen aber nicht nur pessimistisch in die Zukunft: „Trump wendet sich mehr gegen China, weniger gegen Europa.“ Und auch für das umstrittene Freihandelsabkommen TTIP sieht er Chancen für eine Neuauflage, wenn „größeres Gewicht auf die demokratische Beteiligung bei der Entwicklung von Regulierung gelegt wird“.
Durch Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten kündigt sich eine Annäherung der USA an Russland und Präsident Wladimir Putin an. Und auch der türkische Präsident Erdogan nähert sich Russland immer mehr an. „Diese Entwicklungen sollten Europa eine Warnung sein“, so Fuest. Europa müsse ihre Interessen stärker vertreten. Dazu gehöre auch, mehr in die eigene Sicherheit zu investieren.
Clemens Fuest: „Brauchen ein stabiles Bankensystem in Europa“
Europa kämpft derweil mit eigenen Problemen und durchlebt unruhige Zeiten: Italiens und Spaniens Banken sind in der Krise. Und Griechenlands Rettungsprogramm geht nicht wirklich voran. Die Sorge vor einer neuen Euro-Krise sei berechtigt. „Man hat sich darauf beschränkt, neue Kredite zu geben. Aber die Probleme betreffen überschuldete Banken und Unternehmen“, so Fuest, „es braucht ein stabiles Bankensystem!“ Sonst stelle der Zerfall der Euro-Zone eine Gefahr dar.
Europa wird auch in den nächsten Jahren mit der Integration von vielen Hunderttausend Flüchtlingen zu kämpfen haben. ifo-Präsident Clemens Fuest ist sich sicher, dass die „Integration eine wichtige Aufgabe ist, die lange dauern wird und auch Geld kostet.“ Umso mehr brauche es eine gemeinsame Einwanderungspolitik.
Clemens Fuest ist seit 2016 Präsident des ifo Instituts in München und folgt auf den Finanzwissenschaftler Hans Werner Sinn. Im Interview mit Marta Werner spricht er außerdem über Gründe für das Erstarken von Rechtspopulisten und einen möglichen Zerfall der Euro-Zone.
Veröffentlicht am: 18.01.2017 in Interview
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