Interview Uploader des Clausnitz-Video: „Erhalte regelmäßig Drohungen“
Interview Uploader des Clausnitz-Video: „Erhalte regelmäßig Drohungen“
Aktivist „Frank Stollberg“ hat eines der schockierenden Clausnitz-Videos ins Netz gestellt. Für ein Video-Interview stand er nicht zur Verfügung. Wir haben ihn via Facebook zu seiner Motivation, Bedrohungen gegen ihn und den Verlauf des #Clausnitz-Diskussion gefragt.
dbate.de: Wie haben Sie die Situation vor der Flüchtlingsunterkunft in Clausnitz wahrgenommen?
Frank Stollberg: Ich war in Clausnitz am Tag des Geschehens nicht zugegen. Ich habe erst an den Protesten am Folgetag teilgenommen, die sich gegen die Aktionen richteten. Das Video wurde mir zugespielt und der Verfasser hat mich um Anonymität gebeten.
dbate.de: Wie erklären Sie sich das Verhalten derjenigen, die den Bus blockiert haben?
Frank Stollberg: Dieses Verhalten ist für mich nicht erklärbar. Es hat sicher nichts mit Besorgnis zu tun, wenn man Menschen angreift.
dbate.de: Wie beurteilen Sie das Verhalten der Polizei?
Frank Stollberg: Die Polizei hat an dem Tag vollumfänglich versagt. Es wurde nicht Recht durchgesetzt, trotz Platzverweise keine Räumung, trotz Nötigung keine umgehende Räumung der Blockade und am Ende wurde Gewalt gegen die Opfer angewendet, weil man der Situation nicht Herr wurde. Die Begründung, dass die Flüchtlinge provoziert hätten, stellt dabei noch den Gipfel der Geschmacklosigkeit dar. Nach zwei Stunden Blockade, Geschrei und Anfeindungen sollen die Flüchtlinge wohl noch nett zu den Angreifern lächeln.
dbate.de: Mit welchem Ziel haben Sie das Video veröffentlicht?
Frank Stollberg: Ich habe die Tragweite des Videos recht schnell erkannt. Die Intention ist dabei natürlich, dass solche Vorfälle in die Öffentlichkeit müssen und Teil des politischen Diskurses werden müssen. Die meisten solcher Vorfälle bleiben leider undokumentiert und damit außerhalb der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Das Video zeigt aber gut, dass wir ein großes Problem im Handeln der Polizei in Sachsen haben. Immer wieder wird Protest gegen rassistische Umtriebe behindert, Täter zu Opfern gemacht und die Polizei geht gegen friedlichen Protest immer wieder mit vollkommen übertriebener Härte vor. Es hat mich daher auch im Nachgang nicht im Geringsten Überrascht, dass auch dort eine Täter/Opfer Umkehr betrieben wurde. Stundenlang wurden die Flüchtlinge belagert, der gesetzeswidrige Protest wurde nicht unterbunden, der Mob wurde direkt an den Bus gelassen und am Ende wird Anzeige gegen die sich wehrenden Flüchtlingen erstattet.
dbate.de: Nach der Veröffentlichung wurden Sie massiv angefeindet. Wie wurde Ihnen gedroht?
Frank Stollberg: Die Drohungen sind nicht wesentlich mehr geworden nach dem Video. Jedoch erhalte ich sehr regelmäßig per Facebook PM Androhungen von Gewalt und es gab auch bereits Fahndungsaufrufe im Internet. Mein Name steht auch auf Listen von rechter Gruppen.
dbate.de: Sie wollen anonym bleiben. Wovor haben Sie Angst?
Frank Stollberg: Da ich bereits seit ca. 13 Monaten aktiv im Netz und auf der Straße bin, habe ich entsprechende Erfahrungen, was nach solchen Veröffentlichungen passiert. Nach 13 Monaten voller Drohungen aus dem rechten Spektrum, wird man etwas vorsichtiger. Ich erhalte regelmäßig Androhungen von Gewalt auf Facebook und muss mit meiner Anonymität auch meine Familie schützen.
dbate.de: Sie sind Teil der „Antifaschistischen Aktion“. Ist die Veröffentlichung solcher Videos Teil einer Online-Strategie?
Frank Stollberg: Nein, ich bin nicht Mitglied eines Vereins, Partei oder Organisation, sondern engagiere mich ganz privat im Netz und auf der Straße. Ich bin auch politisch nicht den Kreisen der Antifa zu zuordnen. Ich lehne grundsätzlich Gewalt ab – kein Zweck heiligt die Mittel. Wenn man 1000x im Internet als linksgrünversiffter Antifa beschimpft wird, weil man die Meinung der „besorgten Bürger“ nicht teilt, dann kann man damit nur noch mit Ironie umgehen. Der Titel des Logos heißt im Übrigen „Antifantische Aktion“ und nicht „Antifaschistische Aktion“.
dbate.de: Sind Sie mit dem Verlauf der Diskussion um das Video zufrieden?
Frank Stollberg: Bisher ja, weil das Thema ausreichend Anklang gefunden hat – mehr als ich erwartet habe. Das Video wurde fast 2,1 Mio. mal in nur 3 Tagen gesehen. Nicht zufriedenstellend ist sicher der Umgang mit dem Polizeichef von Chemnitz. Ihn als Nazi zu bezeichnen, geht wohl komplett am Thema vorbei, auch wenn die Begründungen und der Umgang mit dem Thema mehr als zweifelhaft sind. Es muss am Ende eine sachliche Diskussion geben und keine Grabenkämpfe. Ich hoffe, dass die Diskussion sich noch in diese Richtung bewegt. Viele Veröffentlichungen in den Zeitungen lassen mich aber darauf hoffen.
Außerdem zeigt dbate.de kontroverse Netz-Reaktionen auf die #Clausnitz-Videos (VIDEO)
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Veröffentlicht am: 22.02.2016 in Interview
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