Interview „Wir waren es nicht!“ – Wladimir Kaminer über Russland
Interview „Wir waren es nicht!“ – Wladimir Kaminer über Russland
„In einem Satz kann man die ganze russische Außenpolitik zusammenfassen: Wir waren es nicht!“, lacht Wladimir Kaminer. Der Autor, der mit „Russendisko“ international berühmt geworden ist und der von sich selbst behauptet, privat ein Russe und beruflich deutscher Schriftsteller zu sein, spricht im Interview über die Politik von Wladimir Putin, RT Deutsch und über sein persönliches Verhältnis zur russischen Heimat.
Was empfindet der russische Teil von Kaminers Seele beim Anblick von Wladimir Putin alleine an einem verstimmten Flügel Sowjet-Klassiker spielend? Lustvolles Schaudern? Heimweh? Mitleid? Wladimir Kaminer hält kurz inne. Man hat das Gefühl, dass man dem Autor regelrecht beim Denken zusieht. Man verfolgt staunend, wie die Sätze durch seine Pupillen rollen – von links nach rechts. Bloß nichts verlieren! Dann, wie an einem Flipper-Automaten, schießt einem die wohlformulierte Analyse entgegen: „Man sieht einen Mann, der vor 45 Jahren mal Klavier spielen lernen wollte. Und dieser Mann ist nicht weitergekommen als dieses eine sowjetische Lied mit drei Fingern zu spielen. Und genau so macht er auch Politik. Er versucht eine Arbeit zu machen, für die er überhaupt nicht qualifiziert ist.“ Wäre subtile Ironie eine olympische Disziplin, Kaminer verdiente Gold.
Wladimir Kaminer über den Konflikt in der Ostukraine
Aber der aus Russland stammende Bestsellerautor, der sich selbst als Völkerverständiger begreift, bezieht auch klare Stellung – frei von jeglichem Humor. Beispielsweise zum Ukraine-Konflikt: „Es herrscht Krieg in der Ostukraine. Dort sterben Menschen. Die Munition geht den freiwilligen Bergarbeitern seit über zwei Jahren nicht aus. Das ist allein Russlands Schuld,“ sagt Kaminer. Und man merkt, dass ihm das alles andere als egal ist.
Im Interview mit Denise Jacobs spricht Wladimir Kaminer über die russische Propaganda von RT Deutsch, über seine persönliche Beziehung zu Russland und erklärt, warum Donald Trump definitiv gefährlicher sei als Wladimir Putin.
Über den Schriftsteller Wladimir Kaminer
Wladimir Kaminer wurde 1967 in Moskau geboren. Er absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk, studierte im Anschluss Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. 1990 emigrierte er nach Berlin. 2000 debütierte er als Schriftsteller mit „Russendisko“. Neben seiner Schriftstellertätigkeit ist Kaminer Mitbegründer und DJ der „Russendisko“. Er lebt mit seiner Familie in Berlin.
Veröffentlicht am: 26.05.2017 in Interview
Related Videos
Mein Leben unter Putin - Homosexuelle in Russland
Russland: Neonazis jagen Schwule. Per Gesetz stellt Präsident Putin Homosexualität mit Pädophilie praktisch gleich. In "Mein Leben unter Putin" berichten russische Schwule und Lesben von ihrem Leben in Angst und ihrer Flucht ins Exil.
Korruption in Russland: Medwedews geheime Paläste
Der russische Oppositionspolitiker Alexei Nawalny hat mit der Stiftung zur Korruptionsbekämpfung die investigative Dokumentation „Nennen Sie ihn nicht Dimon“ auf YouTube veröffentlicht. Aufgedeckt wird der geheime Immobilienbesitz und die korrupten Geschäfte des Ministerpräsidenten von Russland, Dimitri Medwedew.
St. Petersburg: So hat Studentin Julia den Terror erlebt
Die 20-jährige Studentin Julia Markova lebt in St. Petersburg. Nur eine Stunde vor der Bombenexplosion hat sie die Unglücksstelle mit der U-Bahn passiert. Im Video berichtet sie über den Schock und fordert schärfere Sicherheitsmaßnahmen.
Das sind die TOP 15 Verschwörungstheorien im Netz
Das Internet ist ein wunderbarer Ort für Verschwörungstheorien aller Art. Immer mit dabei: Die CIA (natürlich), der Mossad (klar) und der KGB (den es gar nicht mehr gibt). Die andere Rankingshow: das sind die 15 schönsten Verschwörungstheorien im Netz.
"Satire Hits - Trump Edition": Joko und Klaas vs. Donald Trump
Diese Reaktion war nur eine Frage der Zeit: Joko und Klaas von Circus Halligalli knüpfen sich in ihrem Video "Satire Hits - Trump Edition" den künftigen US-Präsidenten Donald Trump vor. Dafür haben sie sich besondere Mühe gegeben und präsentieren eine fiktive Musik-CD in einem sehr direkten und witzigen Werbevideo.
Russland-Experte zum Ukraine-Konflikt: "Die EU hat Russland unterschätzt."
Russland-Experte Stefan Meister, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), glaubt: „Wir haben einen Konflikt mit einem System Putin, das viel mehr bedeutet als die Ukraine.“ Trotzdem sollte man Russland nicht verteufeln.
Russland-Expertin: "Im Ukraine-Konflikt geht es um Machterhalt!"
Nach mühsamen Verhandlungen in Minsk, herrscht seit dem Wochenende Waffenruhe in der Ukraine - zumindestens auf dem Papier. Simone Baumann, Produzentin, sieht bei den Milizen wenig Friedenswillen, "vielmehr geht es um die Erweiterung von Territorien und um Machterhalt". Dabei führen beide Seiten einen Propagandakrieg. Simone Baumann geht sogar einen Schritt weiter und sagt "Die russischen Medien sind eine einzige Propaganda-Maschine, einen unabhängigen Journalismus gibt es nicht mehr." In den russischen Medien wird die aggressive Haltung Putins mit dem Schutz russischer Interessen erklärt.
Mehr Videos aus dem Bereich Interview
Wie rechts ist die AfD? - Interview mit Toralf Staud
Als Anti-Euro-Partei gestartet, steuert die AfD immer weiter nach rechts. Doch wie rechts ist die AfD wirklich? Wo liegen die Unterschiede zur NPD? Frauke Petrys und Beatrix von Storchs Aussagen zum Schießbefehl an deutschen Grenzen oder die an Goebbels erinnernden Reden von Björn Höcke verheißen nichts Gutes. Trotzdem reicht es nicht, die AfD auf ihre populistischen Parolen zu reduzieren: "Es gibt keine Generalstrategie in der Partei" Interview mit Autor und Journalist Toralf Staud.
Markus Beckedahl (netzpolitik.org) über kritische Blogs
Gegen Markus Beckedahl, Blogger und Gründer von netzpolitik.org, wird wegen Landesverrats ermittelt. Der Vorwurf: Die Veröffentlichung interner Verfassungsschutz-Dokumente. Ein Interview mit dem Chefredakteur und Angeklagten:
Bjarne Mädel ("Schotty") über Tatortreiniger
Woher kommt eigentlich die Inspiration für seine Rolle als Tatortreiniger "Schotty"? Christian Heistermann, Tatortreiniger in Berlin, hat Bjarne Mädel viele wichtige Infos - und eklige Situationen - als Vorlage geliefert. "Da klebte dann auch mal ein Finger am Linoleum und war einfach nicht loszumachen." Über die Rolle als "Schotty" hinaus hat Mädel jetzt auch als Erzähler für den Dokumentarfilm "Den Tod auf der Schippe - die wahren Tatortreiniger" von Eric Friedler (17.12.2015, 23:00 Uhr, NDR Fernsehen) gedient. "Das hat mich wirklich überrascht, dass das alles sehr warmherzige Menschen sind, die mitten im Leben stehen", sagt Mädel im Skype-Talk mit Thomas Schuhbauer über die Tatortreiniger im echten Leben.
Unbezahlbares Wohnen – greift die Mietpreisbremse?
Hamburg, München, Berlin, Frankfurt: Seit Jahren steigen die Mietpreise in deutschen Städten. Die Bundesregierung versprach mit Einführung der Mietpreisbremse, Wohnraum auch für Normalverdiener endlich wieder bezahlbar zu machen. Doch Städte melden: Die gesetzliche Regelung greift de facto nicht. Interview mit dem bau- und wohnungspolitischen Sprecher der Grünen, Chris Kühn, über die Fehler und Lücken der Mietpreisbremse.
Sundermann zum NSU: Rechtes Auge, blindes Auge!
Der freie Journalist Tom Sundermann beobachtet für ZEIT ONLINE den NSU-Prozess. Er glaubt nicht, dass Beate Zschäpe die wichtigen Fragen ndem Netzwerk, den Komplizen und der Infrastruktur des NSU beantworten wird. Vielmehr wird sie versuchen der lebenslangen Haftstrafe mit Sicherheitsverwahrung zu entgehen. Am Ende bleiben vermutlich mehr Fragen als zuvor.
3 Jahre Geiselhaft – die Spätfolgen
Immer mehr Geiselnahmen, immer grausamere Misshandlungen. Heinrich Strübig hat das schon hinter sich. Er saß 3 Jahre als Geisel im Libanon fest. Ein Skype-Talk über inszenierte Videos, Verhandlungen und Versöhnung.