Interview „Das wird ein einziges Chaos“ - Journalistin Dittert zum "Brexit"
Interview „Das wird ein einziges Chaos“ - Journalistin Dittert zum "Brexit"
Europa, Nein Danke? Am 23. Juni stimmen die Briten für oder gegen den Verbleib in der EU. Das Land ist tief gespalten und blickt in eine zunehmend ungewisse Zukunft. Für Annette Dittert, ehemalige London-Korrespondentin der ARD (jetzt NDR in Hamburg), bedeutet ein Brexit nichts Gutes – weder für Großbritannien noch Europa.
Brexit-Befürworter sehnen sich nach einem autonomen Großbritannien ohne Diktat aus Brüssel. Das Land befindet sich in einer Identitätskrise, zwischen „Minderwertigkeitskomplexen und Großmachtphantasien“, so Annette Dittert. Aber: Die Sehnsucht nach einem starken Empire ist für die Journalistin nichts weiter als eine „nostalgische und sentimentale Realitätsvermeidung.“ Denn die Realität eines Brexit sieht ganz anders aus: Steuererhöhungen und Exportverluste. Aber das wolle scheinbar niemand wissen.
„Es ist eine zutiefst emotionale und irrationale Debatte“, stellt Dittert fest. Das liegt vor allem am Zweikampf zwischen Premierminister Cameron und Parteigenosse Boris Johnson. Im Wahlkampf 2013 hat Cameron selbst das Referendum ausgerufen. Nun wirbt der Premierminister verstärkt für einen Verbleib in Europa. „Er ist nicht besonders glaubwürdig“ stellt die Journalistin fest und ist sich sicher, dass Premierminister Cameron „sich nicht länger als einen Tag danach halten kann.“
Im Falle eines Brexit haben Großbritannien und die EU zwei Jahre Zeit, um sich auf einen Ausstieg zu einigen. Doch dafür müssten mehr als 12.000 Gesetze neu geregelt werden und alle Mitgliedsstaaten einverstanden sein. Die ehemalige London-Korrespondentin der ARD ist sich sicher: „Das wird ein einziges Chaos.“
Annette Dittert war lange als ARD-Korrespondentin in New York, Warschau und London tätig. Seit September 2015 arbeitet sie als Redakteurin und Autorin für den NDR und lebt in Hamburg und London. Im Skype-Interview mit Marta Werner spricht sie über Großbritanniens Identitätskrise, Camerons Parteikämpfe und die Folgen eines Brexit.
Veröffentlicht am: 17.06.2016 in Interview
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