Artikel Schlammschlacht in Österreich – Sternstunde der TV-Demokratie
Artikel Schlammschlacht in Österreich – Sternstunde der TV-Demokratie
Ein Kommentar von Stephan Lamby
Die Kommentatoren im In- und Ausland waren sofort einer Meinung: „Desaster“, „abgründig“, „würdeloser Hahnenkampf“. Das, was da die beiden Politiker am Pfingstsonntag aufgeführt haben, war beschämend. Für sie, für ihre Parteien, für das Amt des Bundespräsidenten, für Österreich. Stimmt alles. Der Grüne Alexander Van der Bellen und der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer wollen ja beide am 22. Mai Bundespräsident von Österreich werden. In einer Vorwahl vor einigen Wochen sind sie als Sieger hervorgegangen. Jetzt geht´s in die Stichwahl. Gut also, dass sich die Österreicher noch einmal einen Eindruck verschaffen können. So weit, so üblich.
Nicht aber, was dem österreichischen Privatsender ATV einfiel: Der Sender verzichtete auf eine Moderation, auf jegliche Regel für das Gespräch. Zwei Männer, ein Tisch, 45 Minuten – auf in den Kampf. Was die Zuschauer erlebten, hätte kein investigatives Politmagazin in dieser Schärfe ans Tageslicht zerren können, kein Leitartikler hätte beide Kandidaten schonungsloser demaskieren können. Das besorgten die beiden Kandidaten diesmal selbst: „Lüge“, „oberlehrerhaft“, „untergriffig“, „Kandidat der Schickeria“, „Schweinerei“ – Van der Bellen und Hofer demontierten sich so gnadenlos, dass die Zuschauer einen unverstellten Einblick erhielten – in die Seele der beiden Männer. Ja, es war beschämend, beide Kandidaten haben verloren, sie gehen schwer beschädigt aus diesem Duell.
Aber das Format – und somit die Vermittlung von Politik im Fernsehen – hat gewonnen. Ein/e Moderator/in hätte bei den übelsten Beleidigungen schnell eingegriffen, die Wogen geglättet, für eine sanftere Gesprächsatmosphäre gesorgt – und somit den einzigartig authentischen Eindruck verwischt. Hilfesuchend schaute sich der 72jährige Van der Bellen immer mal wieder im Studio um. Doch da war niemand, der ihn aus der Verlegenheit retten konnte, kein Moderator, kein Kameramann, kein Pressesprecher. Zwei politische Gegner, allein mit sich in einem Studio – diese radikale Form des TV-Gesprächs ist ein Gewinn für die Zuschauer, die Bürger. Jetzt wissen sie genau, wen sie zum Bundespräsidenten wählen werden. Ausreden gelten nicht mehr.
Und auf Österreich kommt ein neues Schamgefühl zu. Am Wahltag.
Veröffentlicht am: 17.05.2016 in Artikel
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